Montag, 5. Oktober 2015

Iljas Welt #6

 Die Nacht näherte sich ihrem Höhepunkt; der Mond brannte in Iljas Fenster, still und behaglich. Es war, als würde er einen leisen Monolog führen und Ilja konnte nicht anders, als zuzuhören und zu erwidern.
„Bist du müde?“, fragte der Erleuchtete.
„Ja, das bin ich. Ich bin der ewigen Grübelei und der Suche überdrüssig. Ich bin meiner Selbst müde. Hattest du dich selbst und deine Existenz schon einmal satt?“ … Ilja konnte seinen gebannten Blick nicht vom weisen Freund reißen.
„Nein, ich bin mir meiner Selbst und meiner Bedeutung für Alles, Was Ist, bewusst“.
Ilja hielt inne und stellte sich vor, wie es wäre, sich der eigenen Bedeutung bewusst zu sein. Was, wenn er sich bloß der eigenen Bedeutungslosigkeit bewusst würde?
Er richtete seinen Blick erneut auf den Mond:
„Verkraftest du das, was du erkennst?“
„Ja, das tue ich – Ich spreche zu Menschen und zu Wassern; ab und an heiße ich gar die Menschen bei mir willkommen … Es gab Zeiten, da sprach ich zu ganz anderen Wesen. Ich nehme die Bedeutungslosigkeit des Lebens und meine eigene an – sie ist Teil des Spiels.“ …
„Welchen Spiels?“, Ilja horcht auf.
„Des Spiels der Evolution. Alles, Was Ist, expandiert immer mehr. Es wird zwar immer etwas sein; jedoch hat alles, was ist, einen Anfang und ein Ende …“.
Hieß es, dass auch Gott einen Anfang hatte und ein Ende haben würde? Ilja war verwirrt; dieser Gedanke erschütterte die Grundmauern seiner Realität … Der Mond lächelte gütig.
„Habe keine Angst, Ilja. Es ist nicht nötig, die Welt zu verstehen, um in der Welt zu sein – du und ich, wir sind der beste Beweis dafür …“.
Der Wind brachte einen Hauch von Wermut und dem schläfrig anmutenden Lavendel durch das geöffnete Fenster; Nebel breitete sich in Iljas Gemüt und Verstand aus.
Langsam und friedlich verfärbte sich der Mond rot und versteckte sich schüchtern hinter vorbeiziehenden Wolken. Ihre Schatten zierten die Wände mit einem wunderlichen Spiel voller Sehnsucht und Leben. Von dem Fuße des Fensters erstreckte sich ein tiefer, blauer Fluss, wie eine Straße mit Biegungen und einer Kreuzung.
Die bewaldeten Inseln, an der Spitze wie Sahnehäubchen mit Schnee bedeckt, verschmolzen mit der flockigen Umrandung azurweißer Cirrocumuli.
Ein blauer Schleier lag über der Landschaft. Die Wolken, die Schneeflöckchen, das Wasser, die Wälder der Inseln – über all dem hatte der Himmel seinen azurhaften Atem ausgebreitet. Der Schleier trieb den Fluss an oder wurde von ihm getragen und es war nicht zu unterscheiden, ob es dunkelblauer Tag ist oder eine hellblaue Nacht. Die Zeit ruhte
Der Wecker klingelte und Ilja starrte wütend drauf. Die Müdigkeit war unüberwindbar; er kämpfte kurz mit dem schlechten Gewissen, der Faulheit zu frönen, aber die Tatsache, dass es für ihn keinen zwingenden Grund gab, um aufzustehen, siegte und er blieb liegen.
Was ist schon ein einziger Tag, inmitten der vielen verlorenen? Auf den einen mehr oder weniger kam es nicht an, nicht mehr. Und der Seelenfrieden, mit dem eine mögliche Antwort lockte, schien so nahe …
Was bedeutete Leben? War es eine Aneinanderreihung der Ereignisse, vom Zufall emporgebracht oder befolgte es den geheimnisvollen Plan eines allwissenden Schöpfers?
Ilja dachte über seine Geschichte nach. Ilja hatte seine Geschichte satt. Sie war mehr als sein Leben – sie war die Rechtfertigung seines Lebens. Und er hatte es noch immer nicht geschafft, ihren Sinn zu ergründen; so gesehen, plätscherte seine Geschichte vor sich hin und Ilja war ihre traurige Konstante.
Kaum, dass er sich eingestanden hatte, nie rebellieren zu wollen, fing sein Inneres an zu brodeln. Er spürte die Wut. Auf wen war er nur wütend? Er ging im Kopf alle durch, die ihm irgendwie bekannt waren; es war niemand bei, der seinen Zorn verdient hätte. Er war es selbst, er ganz allein. Er hat sich derart in fremden Erwartung aufgelöst, bis er nicht länger wusste, wer er war; er war zu feige und zu träge, um es herauszufinden. Und jetzt starrte er die Decke seines Schlafzimmers an und suchte nach einem Grund, um den Tag zu beginnen. Aber es schien keinen zu geben.
Das Leben ist nichts weiter, als die Freiheit, in der Fülle der Möglichkeiten eine Wahl treffen zu dürfen; es bringt den Zwang dieser Wahl mit sich, und selbst die völlige Passivität, wie die, in der Ilja verharrte, ist eine getroffene Wahl und birgt ihre Konsequenzen. Ilja wählte stets die Enthaltsamkeit – auf diese Weise hatte er das Gefühl, die eigentliche Entscheidung später noch treffen zu können und erkannte nicht, dass er sich bereits entschieden hatte …
Der Tod beendet diese Freiheit und alle damit verbundene Möglichkeiten; jenseits des Lebens ist jede Entscheidung in der Liebe aufgehoben.
In der bunten Vielfalt des Lebens sah Ilja seines Willens Antlitz. Dieser schlafende Wille war seines Lebens Wärter und Urgrund …
Jenseits, in der Schwebe der Liebe, sind alle Entscheidungen und Bestrebungen obsolet. Warum musste Leben sein; warum war es nicht möglich, jenseits des Lebens, in der Liebe zu bleiben?
Aber das Leben ist unvermeidlich, genauso wie der Tod, weil er uns vom Leben erlöst. Das Streben ist das einzige Ziel des Lebens; konkrete Ziele sind austauschbar, sie spielen keine Rolle – das Streben an sich ist es, was das Leben ausmacht.
Wonach strebte Ilja in den ersten vierzig Jahren seines Lebens? Er drückte sein Gesicht in die Kissen. Er strebte allein danach, fremde Erwartungen zu erfüllen – weil er scheinbar keine eigenen hatte; keine, außer der, zu gefallen, um geliebt zu werden. Jemandem zu widerstreben, sich gegen jemanden oder etwas aufzulehnen, schien ihm nicht denkbar. Er hatte noch nie angeeckt, war nie beleidigend und gab sich die größte Mühe, stets die richtige Meinung zu vertreten.
Gab es noch einen Ilja unter diesem Deckmantel? Wer war er wirklich? Wenn es keine Umwelt gäbe, dessen sanfte Formung er so deutlich vernahm, wie würde er dann sein? Hätte er Lust, betrunken auf dem Tisch zu tanzen? Oder den muffelnden Nachbarn anzupöbeln? Vielleicht einer Frau hinter zu pfeifen? Was musste er tun, um das heraus zu finden?
Die Uhr schlug Mittag; es war zu spät, um große Pläne für den Tag zu machen. Für den Rest dieses Tages hatte er allein das Streben, herauszufinden, wie er von sich aus sein wollte. Er strebte nach dem Streben; was wollte er tun? Wie wollte er sein?
Er hatte schon so viele Stürme, Zweifel und Erkenntnisse erfahren. Und jetzt lag er in diesem spärlich möblierten Zimmer mit weißen Wänden, starrte die Decke an und dachte an sein schweres Herz. Warum war es schwer? Hatte er gelitten? Ilja richtete sich auf den Ellenbogen auf uns sah an sich herunter. Nein, er fühlte kein konkretes Leid; ihm fiel auch kein Umstand ein, der beseitigt werden sollte, damit die Schwermut gehen kann. Dennoch war eine Schwermut da.
Wie kam Leid in Iljas Welt? Was ist Leid überhaupt? Ist es ein Gegenteil von Glück? Lässt sich Glück an einem bestimmten Ereignis ausmachen? Das Leid schon. Kann Leid durch Glück aufgehoben werden? Das Glück kann es …
Dem Leben ist ein Streben mit in die Wiege gelegt. Diese Sehnsucht zu stillen, dem Rufe der Seele zu folgen, das macht das Streben aus; das ist die einzige Konstante, die dem Leben abzugewinnen ist.
Die Schwierigkeit der Menschen besteht darin, dass sie sich häufig über die tieferen Beweggründe ihres Handelns nicht bewusst sind. Sie tun all die Dinge, die sie tun, im Glauben, damit ein ganz konkretes Ziel zu erreichen, ihre Existenz zu sichern oder ein Unglück abzuwenden, welches ihnen oder ihrer Familie schaden könnte. Auch das sind auf Glückseligkeit gerichtete Bestreben, denn ein Mensch, der so handelt, ist glücklich, wenn er seine Familie beschützt weiß. Wenn dieser Mensch sein Leben bewusst darauf ausrichten würde, würde er, anstatt ein innerlich verängstigter Beschützer zu sein, der stets bemüht ist, die nächste Katastrophe abzuwenden, sich zu einem mutigen Menschen entwickeln, der weit- und umsichtig seine Lieben durch das irdische Leben führt. Ein solcher Mensch wäre ein Beschützer, kein Opfer der Umstände, das geradeso das Unglück verhindern konnte und jetzt hofft, es beim nächsten Mal auch irgendwie zu schaffen. Das Bewusstsein um das Getane, das ist es, was ein Mensch braucht, um dessen Sein dieser seiner Bestimmung zu überlassen.
Würde sich Iljas Schwermut ändern, wenn er annehmen könnte, dass er ein unsicherer Mensch, voll des Wunsches nach Liebe und Akzeptanz ist? Und dass alles, was er getan, nicht von Feigheit zeugte, sondern eben dieser Sehnsucht untergeordnet war? Ilja war noch immer nicht weise genug für diese Einsicht. …
Wie kam das Leid in das Leben? Die Schatten an der Wand verfärbten sich rot und verhießen wundersame Landschaften. Ja, das Universum expandiert. Alles, was ist, hat einen Anfang und ein Ende. Anfang und Ende, sie können ohne einander nicht sein. Glück kann ohne Leid nicht sein. So kommt das Leid mit dem Leben.
Dieses Prinzip liegt im Leben selbst begründet, denn das Sein ist unumgänglich dualistisch – um der Liebe willen bedarf es der Angst. Wie sollte sonst ein Seiendes Kälte fühlen, wenn es keine Wärme kennt? Wie sollte es Stille hören können, wenn nie den Lärm vernommen? Wie sollte ein Seiendes überhaupt möglich sein, ohne sich im selben Augenblick vom Nichtseienden abzuheben?
Um seine Bestimmung des Strebens nach dem Höheren der Liebe wahrnehmen zu können, muss der Mensch die Wahl haben, zwischen der Liebe als Glück und der Angst als Leid. Philosophen haben die Angst und das Leid in über die Jahrtausende in ein Vielfaches geteilt – ein moralisches oder ein natürliches Leid, in ein gerecht- oder ungerechtfertigtes und je nach geltender Konstitution schien dies mehr oder weniger sinnvoll. Ungeachtet dessen blieben beide Entitäten im Raum: Das Leid und das Streben nach dem höheren der Liebe.
Die ungezählten Gewesenen, sie haben diese Schlacht täglich geschlagen; sie haben gelitten und ein jeder für sich hat nach einer Antwort gestrebt. Ein jeder hat diese Antwort bekommen, nur hat nicht jeder sie vernommen. Und diejenigen, die sie vernommen haben, haben sie nie derart formulieren können, dass es für alle genügt hätte – dies scheint die Lücke des Systems; es kann nicht einer für alle sprechen. Ein jeder, noch so ehrgeiziger, Lebende ist aufgerufen, die älteste Frage der Welt stets aufs Neue zu beantworten und die so schwer dem Leid entlockte Wahrheit genügt nur für einen Augenblick – dann ist auch sie dahin, da das Ewige Leben ein neues Seiendes emporgebracht.
So ist auch diejenige Geschichte, die so viele Jahre Leid mit sich brachte auch nur in dem Moment wahrhaftig, in dem sie vernommen wird und im nächsten verfliegt sie schon, wie das Leben selbst….

Montag, 17. August 2015

Iljas Welt #5



Vielleicht würde es Ilja nur dieses eine Mal gelingen, von seiner Freiheit Gebrauch zu machen? Nein, nein, keine Heldentat; es wäre fatal, die eigenen Kräfte derart zu überschätzen. Was aber, wenn er es schaffen würde, sich selbst die Wahrheit zu sagen? Ein kleiner Schritt, ein unmerklicher fast, denn außer Ilja selbst kannte niemand seine Wahrheit. Wie würde es seine Welt ändern, wenn er diese Wahrheit sich selbst in ihrer ganzen Deutlichkeit eingestehen würde? Bis jetzt hat er es sich noch nie erlaubt, die leidige, auf sein Gemüt drückende Wahrheit in Worte zu fassen; er kannte sie nur ungefähr, aus Magen- Kopf- und Spannungsschmerzen, aus Alpträumen und schweren Gemütszuständen.
Ilja machte sich einen kräftigen Tee, zündete eine Zigarette an und setzte sich in den Garten.
Wie sah sie aus? Wo sollte man anfangen, sie in Worte zu fassen? Wo hat alles seinen Anfang? Ilja lehnte sich zurück und nahm einen Schluck bitteren Tees. Der Mensch ist, dem Grunde nach, ein autonomes Wesen. Er ist es oder er kann es sein. Die Umgebung, in der ein Mensch lebt, sie verflicht ihn mit ihren Normen, Vorstellungen, mit ihren liebevollen und leisen Forderungen. Was für ein flexibler Antagonismus, der sich durch des Menschen Leben schleicht. Auf der einen Seite wird durch alle Fernrohre, welche die Menschheit sich hat einfallen lassen, an ihn herangetragen, wie frei, wie autonom und wie unabhängig die Menschen sein können. Im Grunde genommen, ist es so; theoretisch ist der Mensch frei. Ganz besonders gern glaubt sich der Mensch in der sogenannten Freien Welt frei. Das muss er auch, sonst wäre der Name albern und anmaßend. Wenn er es schaffen könnte, seine Entscheidungen allein aus Vernunftgründen zu treffen, wäre er frei – so postulierte es einst Immanuel Kant, Iljas großer Vordenker. Jedoch, wenn man auf der Suche nach der eigenen Freiheit zu den Anfängen, also in die Kindheit zurückkehrt, was findet man dort vor? Gewiss keine Vernunft. Das ist die Wurzel der Wahrheit und zugleich die des Übels. Als Kinder sind die Menschen nicht vernünftig und können deswegen nicht frei sein. Wie können dann die Menschen aus ihrer, in der Kindheit erlernten, Unfreiheit Vernunft lernen?
Ilja zog nervös an der Zigarette; war seine mutige Unternehmung schon gescheitert? Nein, so funktioniert Vernunft nicht. Sie kommt mit der Bildung und mit den Jahren. Nach und nach ist es dem Menschen möglich, die Fesseln, die er sich seit den Kindertagen hat anlegen lassen, abzuschälen, um sein wahres Wesen zu entdecken.
Vielleicht ist das ja der Grund für den ewigen Generationenkonflikt, für die Rebellion der Jugend gegen die Autorität der Erwachsenen? In ihrer Pubertät entdecken junge Menschen ihre Vernunft und stellen fest, dass sie sich fremden Vorstellungen gebeugt haben und dass die Illusion, das (für jemanden) Richtige zu tun, sie nicht länger glücklich macht. Warum hat Ilja nie rebelliert? Er dachte angestrengt nach. Das Bedürfnis, sich gegen jemanden oder etwas aufzulehnen, kam in ihm nie auf. Er hat nie rebelliert, weil er immer versucht hat, vernünftig zu sein. Alle seine emotionalen Stürme suchte der kleine Ilja mit dem zu beruhigen, was er als Kind für Vernunft hielt. Schicht um Schicht legten sie sich mit den Jahren um Iljas Herz und machten es schwer und fühlig. Frieden aus Erschöpfung ist besser als Krieg aus Überzeugung – er war zu müde, um die im Grab seiner tiefen Seele beigelegten Wirbelwinde wieder zu beleben. Andererseits wusste er jeden einzelnen derselben beim Namen zu nennen; konnte spüren, wie sie ihn riefen und hallten und heulten, wie eingesperrte Wildhunde. Ilja drückte die Zigarette aus. Kämpfen oder schlichten? Die schattige Wahrheit bäumte sich auf. Die Vernunft ward erwachsen. …

Donnerstag, 30. Juli 2015

Iljas Welt #4


Theoretisch wusste Ilja, dass er frei war. Praktisch wusste er nicht, was das bedeutet. Er war gefangen in seiner Freiheit.
Er sah sich um in seinem kleinen Universum. Ein helles Zimmer mit weißer Raufasertapete und vielen Bildern an den Wänden. Ein Bett, ein Schreibtisch, Regale mit Büchern; in einer Ecke das eingerahmte Universitätsdiplom. Das sind Iljas Reliquien, dafür hat er gelebt. Das Geld reicht nicht für eine eigene Wohnung. Deswegen lebt er in demselben Raum, in dem er auch aufgewachsen ist. In diesem kleinen Raum hat Ilja fast alle wichtigen Etappen seines Lebens durchlebt. Hier hat er zum ersten Mal seine Mutter angelogen, hier war er zum ersten verliebt und hatte hier auch seinen ersten Liebeskummer. Hier lernte er für alle wichtigen Prüfungen und fiel in allem durch, wofür er nicht gelernt hatte. Hier hat er all seine Ängste zuerst kennengelernt. Hier hat er ihnen nachgegeben. Und deswegen ist er immer noch hier.

Über Versagen redet man nicht, wenn man den Versager lieb hat. Das ist auch nicht nötig. Manchmal sagt Schweigen mehr als alle Worte der Welt es tun könnten. Und manchmal gibt es einfach nichts zu sagen. Ilja wusste nicht, was es über die Bilanz seines bisherigen Lebens zu sagen gäbe. Er war, mit einigen wenigen Ausnahmen, ein braver Schüler. Er war ein guter Student. Er hatte nie den Mut, nach seinem Studium eine psychologische Praxis zu eröffnen oder sonst in seinem Beruf tätig zu werden – nicht aus Faulheit, nein. Aus Angst. Er hatte Angst, sich zu irren; Angst, jemandem seine Sichtweise aufzuzwingen. Das kann Leben verändern. Davor ängstigte sich Ilja am meisten. Und so kam es, dass er, aus Angst jemandes Leben zu verändern, es versäumte, sein eigenes zu verändern. 
Die Gefühle, die Iljas Brust seit Jahren oder vielleicht auch seit Jahrzehnten beherbergte, waren komplex und verflochten. Er fühlte sich schuldig, nicht mehr erreicht zu haben, als kleine Jobs, die ihm gerade mal eine Krankenversicherung und etwas Taschengeld bescherten. Er fühlte sich auch schuldig, seiner Mutter auf der Tasche zu liegen. Er wusste, dass er sie nicht gerade ausnimmt, das Haus war abbezahlt und ihre Rente und Witwenrente bescherten ihnen ein ruhiges und recht unabhängiges Leben. All die Kleinigkeit, die Ilja brauchte, konnte er sich selbst finanzieren. Er fühlte sich schuldig, dass er nichts vorzuweisen hatte. Keine Familie, keine Karriere; keine atemberaubenden Urlaube oder aufregende Affären. Iljas gesellschaftliches Leben beschränkte sich auf drei Besuche pro Woche in der kleinen Bar um die Ecke. Dort trank er jeweils drei Alsterwasser und rauchte fünf Zigaretten – denn sein Wochenpensum an Zigaretten lag bei genau einer Packung.
Zwei seiner fünf Freunde arbeiteten in derselben Bar. Das waren Menschen, die ähnlich wie Ilja, bescheiden waren in ihrer Lebensbilanz und das machte sie tolerant in ihren Urteilen über das Leben. Ist das das wahre Wesen der Toleranz? Steht dahinter bloß die Angst, auf das eigene Versagen hingewiesen zu werden? Ilja nickte. Ja, das war der Grund, warum er keine harschen Urteile fällen konnte. Wer war er, um andere zu richten? Er kam ja nicht einmal mit sich selbst klar.