Das Leben ist die
einzige Gewissheit, die dem Menschen gegeben. Jahrmilliarden des Daseins; was
der Mensch aber wahrnimmt, ist die Aneinanderreihung der, scheinbar vom Zufall
emporgebrachter, Ereignisse und dahinter der Zwang der Vorsehung, das Karma, das
ängstigt.
Wie viele sind im Schoß
der Ewigkeit versunken? Niemand hier auf Erden kann das sagen; niemand zählt
mit. Ihre Geschichten, zusammengefasst zu Zeitaltern und Epochen; und sie, die
Namenlosen, haben ihre Welt geformt und verändert, nach etwas getrachtet, es
erreicht oder sind gescheitert. Ihr Sein war Streben und diese Suche, dieses
Fragen hinterließ uns das Erbe, in Kultur, Religion oder Wissenschaft.
Was war das Streben?
Wozu ruft die Seele auf? Sie verlangt nach dem Absoluten, es ist ihr Quell und,
sobald die Reise des Irdischen angetreten, auch ihr Ziel. Die Krone der
Schöpfung vernimmt diesen Ruf als ein Verlangen, eine Sehnsucht. Die Sehnsucht
zu stillen, das macht das Streben aus. Wie die Sehnsucht zu stillen ist, das
gilt es während der Reise herauszufinden; der Wille, der das Feuer des Herzens
entfacht, wird den Weg hoffentlich zu weisen wissen; die Erinnerung an das
Absolute aber schwindet, sobald die Seele das Diesseitige erreicht. Allein der
Ruf der Sehnsucht kitzelt von innen und erweckt das Streben, denn es ist die
Bestimmung, dem Rufe der Seele zu folgen.
Der sinnliche Mensch
unterliegt nur zu leicht der Verlockung, sich selbst als das einzig Wahre
anzunehmen. So ergab es sich, dass vielfach Niederes zum Ziele galt. So und
noch anders kam Leid in die Welt und schuf diesen scheinbaren Widerspruch
zwischen dem Absoluten und dem, was irdische Bewusstsein Realität nennen.
So kam es, dass
Menschen sich Ziele setzten, und, sofern sie diese erreichten, erfuhren sie ein
Empfinden tiefster Zufriedenheit, eine Glückseligkeit, ein Anflug von Liebe,
dies Seelenelixier. So strebte die Menschheit nach Glückseligkeit für einen
Hauch von Liebe.
Was ist Glückseligkeit?
Zunächst ein Gegensatz zum Leid. Ist Glückseligkeit ein Zustand? Dann ist es
das Leid auch. Ist es an einem konkreten Ereignis festzumachen? Das Leid ist es
häufig. Kann Leid durch Glück aufgehoben werden? Das Glück kann es.
Und schließlich, wonach
streben Menschen? Ganz gleich, was ein Mensch auch tut, er tut dies, um seine
tiefe Sehnsucht zu stillen, um dem Rufe seines Innersten zu folgen. Wozu ruft
ihn sein Innerstes? Das eines jeden Menschen zu etwas anderem, möchte man
meinen. Jemand möchte reich, ein anderer berühmt und ein Dritter gebildet oder
anerkannt sein. Ja, das sind verschiedene Bestreben und Ziele; doch wozu werden
sie alle bemüht? Doch nur um der besagten Sehnsucht willen, diesem nagenden
Gefühl an der Seele Grund, das die Menschen dazu antreibt, sich so zu
verhalten, wie sie es tun - herzlich oder grausam. Das Stillen eben dieser
Sehnsucht ist des Menschen Streben nach Glückseligkeit, denn ein tiefer
Instinkt, eine Art Vorahnung, sagt ihm, dass er ein gutes, ein leichtes Gefühl
in seinem Herzen haben werde, sobald er diese Sehnsucht gestillt hat.
Die Schwierigkeit
besteht darin, dass sie sich häufig über die tieferen Beweggründe ihres
Handelns nicht bewusst sind. Sie tun all die Dinge, die sie tun, im Glauben,
damit ein ganz konkretes Ziel zu erreichen, ihre Existenz zu sichern oder ein
Unglück abzuwenden, welches ihnen oder ihrer Familie schaden könnte. Auch das
sind auf Glückseligkeit gerichtete Bestreben, denn ein Mensch, der so handelt,
ist glücklich, wenn er seine Familie beschützt weiß. Wenn dieser Mensch sein
Leben bewusst darauf ausrichten würde, so würde er, anstatt ein innerlich
verängstigter Beschützer zu sein, der stets bemüht ist, die nächste Katastrophe
abzuwenden, sich zu einem mutigen Menschen entwickeln, der weit- und umsichtig
seine Lieben durch das irdische Dasein führt. Ein solcher Mensch wäre ein
Beschützer, kein Opfer der Umstände. Das Bewusstsein um das Getane, das ist es,
was ein Mensch braucht, um sein Dasein dieser seiner Bestimmung zu überlassen.
Es sind also vier
Größen, die der Menschen Leben dominieren: Ihr Sein, die Bestimmung ihres Seins
und die Einsicht, dass diese Bestimmung keine zufällige ist, sondern eine
Notwendigkeit, weil ein Höheres das Sein und die Bestimmung lenkt. Die letzte
Größe ist das Leid, mit welchem sich das menschliche Sein von Anbeginn der Zeit
konfrontiert sieht, welches zuweilen als ein Gegenspieler des Absoluten, sein
Widersacher, angesehen wird und viele Namen trägt.
Dabei ist das Sein
selbst das Einzige, was unbestreitbar ist. Und es ist allein durch seine
Bestimmung gerechtfertigt. Nur dann wird der Drang der Menschen nach dem
Höheren, welcher ihrer Existenz schon immer innewohnte, ganz gleich wie hoch
entwickelt die von ihnen geschaffenen Kulturen auch waren, verständlich. Es ist
die Bestimmung der Menschen nach Glückseligkeit zu streben, welche wiederum im
Höheren verborgen liegt. Was ist das Höhere? Was ist diese Sehnsucht? Das kann
allein die Liebe sein, denn nichts anderes bringt den Menschen Frieden und
beruhigt ihre Angst, als wenn sie Liebe in ihre Herzen lassen.
Das Leben, das Sein,
diese Gefangenschaft in der Freiheit aller Möglichkeiten, welchen Sinn hätte
es, ohne ein Höheres des Universums, das unser Begehren über die Zeiten und die
ungezählten Opfer hinweg schon immer rechtfertigte, weil es das Angestrebte
selbst ist, ein höchstes Gut - ein Absolutes also?
Der Gewahrsam in der
Eigenverantwortlichkeit ist ein Selbstzweck, weil voller Möglichkeiten. Das
Sein ist der Schlüssel, denn Alles, Was Ist, ist das Sein. Der Tod beendet die
Gefangenschaft in der Freiheit und damit auch alle Möglichkeiten derselben; er
leitet die Freiheit in der Gefangenschaft der Liebe ein. Dort, wo wir in der
Liebe sind, haben wir keine Wahl; wir brauchen sie nicht länger; in der Liebe
sind wir am Ziel.
Gefangen in der
Freiheit seiner Möglichkeiten sieht der Mensch seines Willens Antlitz. Der
Wille ist des Menschen Wärter und Urgrund. Er leitet und entscheidet. Und der
Mensch trägt die Verantwortung, selbst dann, wenn er sie leugnet und dem
Verwahr seiner, meist verkannten, Selbstbestimmung anlastet. Es ist also das
Sein, das notwendige und unvermeidliche Sein, welches das von Anbeginn der Zeit
feststehende Ziel des Strebens - der Selbstverwirklichung - in einem Willensakt
der Liebe erreichen darf.
Somit ist das Sein eine
Notwendigkeit, die auf die Liebe als das höchste Prinzip überhaupt ausgerichtet
ist.
Wie das Leid in unsere
Welt kam? Das, so scheint es mir, ist eine notwendige Bedingung, hier, im
Gewahrsam der Möglichkeiten; einen freien Willen zu haben, bedeutet eben wählen
zu dürfen.
Um seine Bestimmung des
Strebens nach dem Höheren der Liebe überhaupt erst wahrnehmen zu können, muss
der Mensch die Wahl haben, zwischen der Liebe als Glück und der Angst als Leid.
Philosophen haben die Angst und das Leid in ein Vielfaches geteilt - ein
moralisches oder ein natürliches etwa, als ein gerecht- oder ungerechtfertigtes
und je nach geltender Konstitution schien dies mehr oder weniger sinnvoll.
Ungeachtet dessen blieben beide Größen im Raum: Das Leid und das Streben nach
dem Höheren der Liebe.
Die Ungezählten, alle,
die gelebt haben, sie haben diese Schlacht täglich geschlagen, welche die
Theologen und die Philosophen durch eine rechte Strukturierung aufzulösen
hofften; sie haben gelitten und ein jeder für sich hat nach einer Antwort
gestrebt. Ein jeder hat diese Antwort bekommen, nur hat nicht jeder sie auch
vernommen. Und diejenigen, die sie vernommen haben, haben sie nie derart
beantworten können, dass es für alle Gewesenen, Seienden und Werdenden genügt
hätte - dies scheint die Lücke des Systems, es kann nicht einer für alle
sprechen. Es ist ein jeder noch so ehrgeiziger Seiende aufgerufen, die älteste
Frage der Welt stets aufs Neue zu beantworten und die so schwer dem Leid
entlockte Wahrheit genügt nur für einen Augenblick - dann ist auch sie dahin,
da das Ewige Leben ein neues Seiendes emporgebracht.
So ist auch diejenige
Geschichte, die so viele Jahre Leid mit sich brachte auch nur in dem Moment
wahrhaftig, in dem sie vernommen wird und im nächsten verfliegt sie schon, wie
das Leben selbst....