Dienstag, 21. Juli 2015

Iljas Welt #3



Den Tag verbrachte Ilja in der Regel im Versuch, sich einer Aufgabe zu widmen. Die Tatsache, dass er mit Anfang 40 im Hause seiner Mutter lebte, belegt mehr als deutlich, dass er bei diesen Versuchen grundsätzlich scheiterte.
Der heutige Tag forderte nicht viel von Ilja. Eine Handvoll Telefonate, um seine Existenz bürokratisch zu sichern, mehr war heute nicht von Nöten. Doch manchmal kann so wenig auch so viel sein. In Gedanken war Ilja bei ihr. Das Haus fing an, ihn zu beengen … 

Der große Garten war sonnengeflutet. Die Astern erblühten in allen Größen und Farben und standen in ihrer Prächtigkeit der Sinnlichkeit der roten Rosen in nichts nach. Die Seerosen schwammen majestätisch auf dem zart vom Winde geküssten, kleinen Gartensee und lockten allerlei Insekten an.
Ilja wollte träumen. Seinen Blick, seine Sehnsucht dem Ozean anvertrauen und träumen. Der Ozean; der geheimnisvolle Riese, unerforscht und unergründet, wie sein Herz. Und genauso geheimnisvoll. Was kann man auf seinem Grunde finden? Allerhand. Mutige Seemänner sind auf die Suche gegangen und haben alles Mögliche gefunden und mitgebracht. Und manchmal haben sie etwas gefunden, das sie nicht mitbringen konnten. Manches Gefundene behielt die Seemänner.
Wie ist es mit dem Herzen? Wenn Ilja so tief eintauchte, würde er dort einen Schatz finden, den er mitnehmen kann? Oder wird ihn das Gefundene einholen und behalten?  
Er hatte solch eine Angst hinab zu tauchen – warum dann all die Sehnsucht?
Eine Brise brachte die Seeluft und einen Hauch der Fröhlichkeit auf den Schwingen der vom Hafen her ertönenden Blasmusik. Die Fröhlichkeit zerschellte an seinem schmerzgetränkten Herzen wie ein Segel an einem Felsen.
Der Ozean rief und rauschte, er versprach Ilja das Ungewisse und das Geheimnisvolle. Doch was würde ihm das Fremde bringen? Angst und Scheu mischten sich der Sehnsucht bei. Er fühlte sich seiner Gegenwart so ungewöhnlich nah und verbunden. Er weinte still in sich hinein, wollte Vergebung finden für seine Feigheit, hören, dass alles gut ist, so, wie es ist.
Er schaute sie eindringlich, fast flehend an. Sie tat Ilja leid, diese fremde Frau, ohne Namen und Geschichte, die ihm so lange Zeit ein Hoffnungsschimmer, ein Zukunftsanker für ein neues, ihn erwartendes Leben schien. Aber jetzt sah Ilja den Ozean und verstand, dass er Angst hatte. Er hatte Angst vor dem Ozean, vor der Frau und vor dem Unbekannten. Ilja war die Angst; die Angst war größer als jede Sehnsucht, die sein Herz gebären konnte.
Jetzt sah Ilja die Frau als das an, was sie für ihn in Wirklichkeit war: eine Fremde. Sie hatte Ilja Hoffnung gegeben; dafür war er voller Dankbarkeit. Jetzt war es an Ilja, der Fremden Hoffnung zu nehmen und es tat Ilja leid. Seine Erkenntnis war gleichermaßen einfach und tiefgreifend – es ist nicht immer Freiheit, gehen zu können. Manchmal ist Freiheit auch das Bleiben dürfen.

Die entscheidende Frage stellte sich Ilja ja doch nicht – ob es wohl Freiheit war, bleiben zu dürfen oder ob er mal wieder der Ängstlichkeit frönte?

Kommentare:

  1. Hi und einen wunderschönen guten Morgen! Bin heute früh beim stöbern bei Google+ auf diesen Eintrag gestoßen.
    Nach den ersten Zeilen habe ich eine parallele zu meinem Leben gesehen und im weiteren Verlauf deiner Erzählung konnte ich mich mehr und mehr mit ihr identifizieren. Merkwürdiges Gefühl!

    Sehr schöner Beitrag
    LG Marcel

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  2. Vielen Dank! Das ehrt mich sehr. Es wird auf jeden Fall eine Fortsetzung geben! LG, Inessa

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  3. Habe die heutige Nacht mal wieder zum Tage gemacht, wie es vielleicht auch "Iljas" schon des öfteren getan haben könnte. Und weil mich "IW#3" immer noch zum grübeln bringt, bin ich wieder hier. Ich habe die Trilogie "IW" mehrere male gelesen aber "IW#3" ist einfach...

    Gibt es jemand der dich zu dieser Erzählung inspiriert hat oder ist es reine Poesie?

    LG Marcel

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    1. Hallo Marcel,

      danke für deine Worte ...

      Die Erzählung ist ein wenig was von beidem - sie ist inspiriert und sie ist Poesie. Sie ist Leben ...

      LG,
      Inessa

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